Europa,  Wandern

Kammweg Erzgebirge-Vogtland: Platz für Weite

Am Ende des Weges schimmert ein kleiner Waldsee zwischen den Fichten. Der kleine See versteckt sich hinter einer Böschung, deswegen bleibt er so lange verborgen, bis wir kurz vor ihm stehen. Seine dunkelblaue Wasseroberfläche ist glatt, hier und da von ein paar Wasserläufern gebrochen. Auf ihr malen die Bäume ihre Umrisse, als würden sie in einen Spiegel schauen. Flechten und Blaubeersträucher bewachsen das Ufer auf der einen Seite. Auf der anderen geht das Wasser in Schilf über, zwischen dessen Stängel ab und an eine Kröte quakt.

Er passt perfekt in das Bild, das ich während der letzten Kilometer auf dem Kammweg Erzgebirge-Vogtland in meinem Kopf gezeichnet habe – dieser kleine See.
Ich bin endlose Kieswege entlanggewandert, die so weit reichen, bis sie der Wald verschluckt. Hab den Ausblick auf ein Meer aus Bäumen genossen. Und stehe nun vor diesem kleinen, spiegelglatten Waldsee. Während ich auf den Auslöser meiner Kamera drücke, formt sich das Bild in meinem Kopf weiter. In Gedanken nämlich bin ich gerade in Schweden unterwegs, weil es kaum anders sein könnte, würde ich allein meinen Augen trauen. Nur der Name des Sees will nicht in dieses Bild passen: Wüster Teich.

Das klingt nicht schwedisch, ist es auch nicht: Während mir mein Kopf einen Streich spielt, musste ich für dieses Erlebnis keine Ländergrenzen queren, sondern bin mit dem Zug ins Erzgebirge gereist.

Die Hügel und Wälder des Erzgebirges erstrecken sich südlich von Dresden, Chemnitz und Zwickau entlang der deutsch-tschechischen Grenze. Im Osten gehen sie in die Felsturm-Landschaft des Elbsandsteingebirges über – und während es dieses auf die Bucket Lists von Reisenden aus der ganzen Welt schafft, verirren sich ins Erzgebirge noch nicht einmal sehr zuverlässig alle Einheimischen.
Wohl gab es eine vergangene Zeit, in der das anders gewesen sein muss: Das Erzgebirge schreibt eine Geschichte über 800 Jahre Bergbau. Die Höhepunkte dieser Geschichte liegen lange zurück, dennoch aber haben sie die Region maßgeblich geformt.
Heute ist sie einzigartig – nicht nur in Deutschland, sondern auch über die Grenzen hinweg. Und gehört deshalb seit 2019 zu den UNESCO-Welterbestätten.

Wer also schon vor den berühmten Felstürmen des Elbsandsteingebirges Richtung tschechische Grenze abbiegt, der taucht ein in eine Landschaft, die unsere Aufmerksamkeit nicht weniger verdient hat. Inmitten der Hügellandschaft, der Wälder, Wiesen und Seen schlängelt sich ein Weitwanderweg durch das Erzgebirge: der Kammweg Ergebirge-Vogtland führt auf 285 Kilometern von Altenberg im Erzgebirge bis nach Blankenstein in Thüringen.

Drei Tage lang war ich im Herzen des Kammwegs unterwegs – ein Vorgeschmack auf das große Ganze, mit der Gewissheit, dass ich genau dafür ganz bestimmt wiederkommen werde.


Werbehinweis: Ich bin glücklich, dass ich mit Erzgebirge Tourismus zusammenarbeiten darf. Die Touren auf dem Kammweg habe ich auf Einladung der Region erlebt, daher gilt dieser Artikel als Werbung für diesen Kooperationspartner. Meine Meinung wird dadurch aber freilich nicht beeinflusst.


Tag 1 | Von Geising nach Holzhau

Der Kammweg ist da, wo die Natur noch so viel Platz bekommt, dass sie hier und dort sogar in Weite übergeht.

Ungefähr so lassen sich meine Eindrücke zusammenfassen, die ich auf Etappe Nummer 1 des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland gesammelt habe. Und die beginnen bereits, kurz nachdem ich das Ortsschild von Geising hinter mir lasse.
Ich tauche ein in einen dichten Mischwald, der mich ebenso schnell auf einer weiten Lichtung wieder ausspuckt. Auf den ersten Kilometern geht es gemütlich bergauf, der Blick in die Landschaft reicht dennoch weit. Die Wiesen, das Meer aus Löwenzahn und Frühlings-Blühern erstrecken sich bis zum Horizont. Dass sich die kleinen Fachwerk-Häuser Geisings gleich hinter dem Wald verstecken, das kann ich mir schon jetzt nicht mehr vorstellen. Dass ich gestern von Dresden nur eine Stunde mit dem Zug hierher gebraucht habe, das fühlt sich umso weiter weg an.

Je weiter ich an diesem Tag laufe, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass diese erste Etappe des Kammwegs eine ziemlich gelungene Vorschau auf all die Erlebnisse ist, die auf den nächsten knapp 300 Kilometern folgen würden. Mal geht es einen Aussichtsberg nach oben, mal Kilometer für Kilometer durch geschützte Wälder. Mal durch ein kleines Dorf, in dem die Nussknacker an den Häuserfassaden und der Skilift die einzigen Indizien auf Wintertourismus sind. Mal vorbei an Wiesen und Weiden, immer an der Grenze entlang.

Manchmal ist Tschechien buchstäblich nicht weiter als einen Steinwurf entfernt. Der Grenzbach gluckert gleich neben dem Wanderweg, hier und da führt ein Wegweiser Nach Böhmen über eine kleine Holzbrücke. Weiß bemalte Grenzsteine zeigen an, auf welcher Seite man sich in eben diesem Moment befindet.
Und so verstreichen Kilometer für Kilometer, Stunden für Stunden, ohne, dass ich andere Wanderer treffe. Die Wanderer, die ich irgendwann doch getroffen habe, haben mir sogar erzählt, dass es hier auf dem Kammweg nicht nur Stunden gebe, in denen wir dieses Erlebnis ganz für uns haben, sondern sogar ganze Etappen.

Da könnte man doch glatt vergessen, dass man gerade mitten durch Europa wandert.


Tourdaten: 26 Kilometer, 610 Höhenmeter, einfache Wald- und Wiesenwege.

Route: Hier geht’s zu meiner Route auf komoot.

Übernachten: Der Ratskeller Geising wird von einem unglaublich herzlichen Wirt geleitet, der alles dafür tut, dass sich seine Gäste sofort willkommen und Zuhause fühlen. Ganz davon abgesehen, lohnt sich die Übernachtung dort auch wegen der unmittelbaren Nähe zum Bahnhof in Geising – und weil das Frühstück so üppig ausfällt, dass wir uns davon auch eine Brotzeit für unsere Wanderung zubereiten dürfen.

Für das Etappenende in Holzhau bietet sich das Berghotel Talblick an. Es liegt nicht weit vom Kammweg entfernt (oberhalb des Dorfes selbst), hat ein Restaurant fürs Abendessen und ein üppiges Frühstücksbuffet. Die Gastgeberin selbst hat mich dann zum Startpunkt meiner nächsten Etappe gebracht, weil ich ja nicht direkt in Holzhau weitergelaufen bin.


Tag 2 | Von Neuhausen nach Olbernhau

Während ich mir gestern zwischendurch recht sicher war, dass der Kammweg schöner nicht mehr werden kann, verwerfe ich diesen Gedanken heute schon auf den ersten Metern.

Blickt man auf die offizielle Etappenempfehlung, habe ich mir für heute die zweite Hälfte von Etappe Nummer 3 plus Etappe Nummer 4 vorgenommen: Ich starte im hübschen Örtchen Neuhausen Richtung Schwartenberg. Auf seiner Kuppe thront das Berggasthaus, in meinem Rücken verschwinden die Dächer Neuhausens hinter dem Löwenzahn. Der Kammweg schlängelt sich hier über bunte Wiesen immer bergauf und ich bin so glücklich, dass ich am liebsten losrennen würde. Hätte ich nicht die 26 Kilometer von gestern noch in den Beinen.

Scheinbar aber bin ich nicht die Einzige, die hier ein so großes Wanderglück verspürt. Der Kammweg Erzgebirge-Vogtland zählt nicht nur zu den Top Trails of Germany, den besten Wanderwegen des Landes, sondern hat außerdem das Siegel Qualitätswanderweg Wanderbares Deutschland verliehen bekommen.

Umso weniger kann ich glauben, dass ich den Weg auch heute in den allermeisten Momenten für mich habe. Selbst den Ausblick vom Schwartenberg teile ich an diesem Morgen nur mit einer anderen Frau. Auf den Kilometern zwischen dem Kurort Seiffen, zwischen Hirschberg und Olbernhau treffe ich an diesem Traumtag keine fünf Menschen. In den Momenten, in denen mir hinter der nächsten Kurve doch wer entgegenkam, bin ich ziemlich erschrocken: weil man hier irgendwann aufhört, mit Gesellschaft zu rechnen.


Tourdaten: 17 Kilometer, 520 Höhenmeter, einfache Wald- und Wiesenwege.

Route: Hier geht’s zu meiner Route auf komoot.

Extra-Tipp: Die Saigerhütte Olbernhau/Grünthal, einst das Zentrum der Kupferverarbeitung in Sachsen, ist heute ein sehr hübsches Freilichtmuseum. Die alten Gebäude sind heute allesamt denkmalgeschützt und Teil des UNESCO-Welterbe. Es lohnt sich, sich dort ein bisschen Zeit zu nehmen und durch die Straßen zu schlendern. Für alle, die tiefer in die Geschichte eintauchen wollen, werden Führungen angeboten.


Tag 3 | Durch das Schwarzwassertal

Während am Horizont hinter den Wäldern und Felsen die Sonne aufgeht, schnüre ich an diesem letzten Morgen im Erzgebirge meine Wanderschuhe.
Zum Abschied habe ich mir keine der offiziellen Kammweg-Etappen rausgesucht, sondern vielmehr einen Abstecher. Einen, der zu vielversprechend klingt, um ihn links liegen zu lassen:
Das Naturschutzgebiet Schwarzwassertal gräbt eine tiefe Schlucht in die Felsen zwischen Pobershau und der tschechischen Grenze. Hier zeigt sich das Erzgebirge von einer ganz anderen Seite. Statt in eine endlose Hügellandschaft schafft es der Blick hier nur bis zur nächsten Felswand. Die Felsen nämlich ragen zahlreich rechts und links in die Höhe, zwischen ihnen gluckert die schwarze Pockau.

Diese wilde Landschaft können wir auf verschiedenen Wegen erkunden – auf breiten Karrenwegen, die immer entlang der Pockau nach hinten führen. Oder auf kleinen Waldpfaden, die vom Plateau der Felsen aus einen Blick ins wilde Tal bieten.
Ich entscheide mich für meine Morgenrunde für eine Mischung aus beidem. Schaue hier, staune dort. Weil zwei Spechte direkt vor mir gemeinsam durch die Luft tanzen, zum Beispiel, Mini-Nebelschwaden in den Farnen am Wegesrand hängen. Oder das Licht zwischen dem Mosaik aus Blättern lila bricht.

Irgendwann mittendrin stelle ich beim Blick auf meine GPS-Uhr fest, dass ich für 1,5 Kilometer gerade 40 Minuten gebraucht habe. Meine Uhr hat daraufhin ausgerechnet, dass ich diese Etappe nach ungefähr 19 Stunden beenden werde. Um 1 Uhr nachts.

So weit habe ich es dann doch nicht kommen lassen – sondern bin mehr oder weniger pünktlich zum Frühstück zurück in meine Unterkunft gewandert. Wäre ich das Tal stattdessen weiter nach hinten gelaufen, wäre ich ziemlich genau auf der deutsch-tschechischen Grenze wieder auf den Kammweg getroffen. Und erneut eingetaucht in das stete Auf und Ab, in die Natur, die hier noch so viel Platz bekommt, dass sie manchmal sogar in Weite übergeht.


Tourdaten: 9 Kilometer, 190 Höhenmeter, breite Forstwege und einfache Waldpfade.

Route: Hier geht’s zu meiner Route auf komoot.

Übernachten: Das Hotel Schwarzbeerschänke liegt ziemlich wildromantisch direkt am Eingang zum Schwarzwassertal. Die Küche serviert leckere Abendessen und ist so flexibel, dass sie für eine Sonnenaufgangstour am nächsten Morgen gerne ein Lunchpaket vorbereitet.
Eine Mitarbeiterin hat mich nach meiner Wanderung für meine Abreise aus dem Erzgebirge zum Bahnhof Pockau-Lengefeld gebracht.


Der Kammweg Erzgebirge-Vogtland: grundsätzliche Infos

Die komplette Route

Mein Vorgeschmack im Erzgebirge ist viel zu schnell vorüber gegangen. Ein Grund, arg traurig zu sein, ist das aber nicht: Ich hab mir nämlich am ersten Tag schon geschworen, dass ich wiederkomme. Und dann noch viel länger in die Welt des Kammwegs eintauchen will.

In insgesamt 17 Etappen ist der 285 Kilometer lange Kammweg Erzgebirge-Vogtland eingeteilt. 183 Kilometer verlaufen im Erzgebirge, 76 im Vogtland und 26 Kilometer in Thüringen. Einen guten Überblick über die gesamte Route gibt’s auf der Seite der Region.

An- und Abreise

Der offizielle Startpunkt des Kammwegs in Geising ist nur eine rund einstündige Zugfahrt von Dresden entfernt – und auch im Zielort Blankenstein gibt es einen Bahnhof. Die Ortschaften zwischendurch sind ebenso immer wieder an das Schienennetz angebunden, oder mit dem Regionalbus erreichbar.

Orientierung

Wie immer habe ich mir meine Route vorher als geplante Tour auf komoot angelegt – und den Track dann auf meine GPS-Uhr gezogen. Nötig ist das auf dem Kammweg Erzgebirge-Vogtland aber nicht, weil die Route wunderbar in beide Richtungen ausgeschildert ist. Auf den 285 Kilometern gibt es ganze 4.500 Markierungen. Sich zu verlaufen ist quasi unmöglich.

Übernachtung & Verpflegung

Die Route des Kammwegs ist so angelegt, dass wir für die Übernachtungen immer ausreichend Möglichkeiten haben. Sowohl, wenn wir der offiziellen Etappen-Empfehlung folgen, als auch, wenn wir die Route auf unsere Bedürfnisse anpassen. Zur Auswahl haben wir zum Beispiel gemütliche Berggasthöfe und tolle Gasthäuser in den Tälern.

Auch hier macht sich das Siegel Qualitätswanderweg bemerkbar: weil die Gastgeber entlang des Weges auf Wandertourismus eingestellt sind. So scheuen sich viele beispielsweise nicht, einen Transfer zu übernehmen, wenn wir eine Etappe anderswo starten wollen. Und das Frühstück fällt besonders üppig aus – mit dem Hinweis, dass wir uns doch auch gleich eine Brotzeit für unterwegs mitnehmen sollen.

Wer die Organisation der Unterkünfte und Transfers nicht selbst übernehmen will, der kann sich übrigens an den Tourismusverband wenden: Dort gibt es Wanderpakete zu buchen, sogar mit Gepäcktransfer. Zum Beispiel für die komplette Route oder einen einwöchigen Vorgeschmack.

Hast du noch Fragen zu den Touren?
Ich freu mich auf deinen Kommentar!

2 Comments

  • Patrick

    Sehr schön geschrieben!
    Ich habe deine Reise bereits auf Instagram verfolgt (über die erlebnisheimat.erzgebirge) und du hast bei mir – eigentlich einem begeisterten Radfahrer – die Lust geweckt, das Erzgebirge auch einmal zu Fuß zu entdecken.

    PS: Warst du am dritten Tag wirklich pünktlich zum Frühstück zurück in deiner Unterkunft? 😯

    • Franziska Consolati

      Lieber Patrick,
      danke dir ganz herzlich für deinen netten Kommentar! Ich freu mich umso mehr, wenn ich dich ausnahmsweise vom Fahrrad in die Wanderschuhe bringe 😊 Das wird sich lohnen, versprochen!

      Ganz liebe Grüße,
      Franziska

      PS: Jaaaaaa! Das wollte ich mir auch nicht so recht entgehen lassen – und ich hatte Glück, dass Frühstück bis 10 Uhr möglich war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.