Chiemgau Hochries Wanderung
Hinter den Kulissen,  Wandern

Achtung, Zecken: Meine Erfahrung mit Borreliose

Beim Wandern war ich nach ein paar Höhenmetern außer Puste, mein Puls war buchstäblich auf 180. Joggen ging plötzlich gar nicht mehr, und ich war dauermüde. Ganz egal, wie lange ich geschlafen hatte.
Und dann kam noch diese komische Sache hinzu, die sich an meinen Zehen abspielte: die waren nämlich plötzlich geschwollen und haben bei jedem Tritt wehgetan. Das wurde schlimmer, nie besser – genau wie die anderen Symptome auch.

Es war Mitte April. Und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was plötzlich mit mir los war. Das änderte sich ein paar Tage nach dem Besuch bei meinem Hausarzt. Nämlich dann, als er mich zähneknirschend anrief und mir mitteilte, dass das Labor in meinem Blut Borreliose-Erreger gefunden habe. Übertragen von Zecken. Mehr noch: von einer Zecke, die mich erst vor Kurzem gebissen haben kann. Auch das können die Labore heute aus dem Blutbild ablesen – anhand dessen, wie aktiv die Erreger im Körper ihr Unwesen treiben.

Ob ich die Zecke bemerkt hätte, fragte mich der Hausarzt.

Nein, das habe ich nicht – und ehrlich gesagt habe ich auch nicht mit einer gerechnet. Alle letzten Wanderungen und Laufrunden bin ich durch den Schnee gestapft, hatte lange Leggings und sogar Kniestrümpfe an.
Es scheint, als wäre das der Zecke egal gewesen. Mittlerweile weiß ich auch, dass ich nicht alles über sie wusste.

Von meinem Hausarzt und all meinen Recherchen im Nachgang habe ich viel gelernt, vor allem, dass es einige Irrglauben zu dem Thema gibt. Und, dass Borreliose eine Krankheit ist, die ich bisher – zugegeben – etwas zu leicht genommen habe.
Warum?
Am besten fange ich von vorne an.


Noch ein Hinweis an dieser Stelle: Ich bin freilich keine Ärztin und kann keine medizinischen Ratschläge geben. Trotzdem möchte ich basierend auf meiner Erfahrung auf das Thema aufmerksam machen und dafür sprechen, Zecken und die Krankheiten, die sie übertragen können, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.


Was sind Zecken überhaupt?

Sie sind winzig klein, nur wenige Millimeter groß – sie gelten als Parasit und gehören zur Gattung der Spinnentiere. Ungefähr so können wir Zecken definieren.
Weltweit gibt es knapp 900 verschiedene Arten, in Deutschland finden wir vor allem eine: den Gemeinen Holzbock.
Genau wie seine Artgenossen ernährt sich der Gemeine Holzbock von unserem Blut. Er beißt zu, gräbt seinen Kopf unter die Haut und saugt so lange, bis er voll ist. Damit wir davon nichts mitbekommen, stößt er eine schmerzstillende Flüssigkeit aus. Im Gegensatz zum Stich der Mücke, beispielsweise, kriegen wir vom Biss der Zecke deshalb nichts mit.

Wo leben Zecken?

Zecken fallen nicht von Bäumen. Vielmehr lieben sie bodennahe Vegetation, Sträucher, am meisten hohes Gras. Aber auch auf gemähten Wiesen kommen sie vor, in Stadtparks und sogar auf Sportplätzen.

Die Zecke hat hochsensible Organe und bemerkt sofort, wenn wir in der Nähe sind. Während wir gemütlich über eine Wiese oder am Gebüsch vorbeilaufen, bleibt sie ganz unbemerkt an uns hängen.

Welche Krankheiten übertragen Zecken?

In Deutschland und Europa übertragen Zecken vor allem zwei Krankheiten:

Borreliose

In Deutschland sind Borrelien – so heißen die Borreliose-Bakterien – die am häufigsten durch Zecken übertragenen Krankheitserreger. Der Krankheitsverlauf fällt von Patient zu Patient völlig unterschiedlich aus. Während manche gar nichts davon mitbekommen, haben andere jahrelang mit unangenehmen Symptomen zu kämpfen. Betroffen sind davon vor allem die Haut, unsere Gelenke und das Nervensystem.

Häufig erkennt man eine Lyme-Borreliose-Erkrankung an dem Symptom der Wanderröte. Diese ringförmige Hautrötung kann einige Tage bis Wochen nach einem Zeckenstich rund um die Einstichstelle entstehen. Ich zum Beispiel habe aber weder die Zecke bemerkt, noch eine Wanderröte.

In den nächsten Stadien treten dann häufig Gelenkschmerzen auf, Kopfschmerzen, bei schlimmeren Verläufen sogar Hirnhautentzündungen, Herzprobleme oder Lähmungen. All diese Symptome können sich in chronische und schwer behandelbare Beschwerden verwandeln, wenn die Borreliose erst spät erkannt wird.
Kommt die Diagnose hingegen früh zustande, gilt Borreliose allgemein als gut behandelbar: weil die Erreger Bakterien sind, helfen in den meisten Fällen Antibiotika.

FSME

FSME steht für Frühsommer-Meningoenzephalitis. Das ist eine Viruskrankheit, die sich in der Regel recht zeitig bemerkbar macht, wenn die Zecke das Virus in sich trägt: die ersten Symptome erinnern uns an eine Grippe, die aber zu einer Entzündung der Hirnhaut, des Gehirns oder des Rückenmarks führen kann.

Im Gegensatz zur Borreliose ist FSME nicht mit Medikamenten heilbar, lediglich Fieber und Schmerzen können behandelt werden. Das Virus an sich muss der Körper alleine bekämpfen. Langzeitschäden wie Schluckbeschwerden oder Lähmungserscheinungen können bleiben, manchmal ist das Virus sogar lebensbedrohlich.

In Deutschland gibt es ausgewiesene Risikogebiete, in denen die Gefahr vor FSME besonders groß ist. Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts empfiehlt eine Impfung zur Vorbeugung des Virus.

Grafik: © Pfizer | www.zecken.de

Wie kann ich mich vor Zecken schützen?

Vor meiner Borreliose-Erfahrung hätte ich diesen Absatz wahrscheinlich damit begonnen, lange Kleidung zu empfehlen und darauf hinzuweisen, dass hohe Wiesen und Unterholz das größte Risiko sind.
Nachdem ich aber in langer Kleidung vor allem durch Schnee gewandert bin, als mich die infizierte Zecke gebissen hat, beginne ich diesen Absatz mit meiner persönlichen Empfehlung:

Regelmäßig absuchen

Vor allem bei Borreliose spielt die Zeit eine große Rolle, zu der die Zecke zugebissen hat. Je schneller wir sie finden und entfernen, desto kleiner ist das Risiko, dass sie den Erreger bereits übertragen hat.
Ich suche mich also regelmäßig ab, wenn und nachdem ich draußen unterwegs war. An den Beinen und Armen in jeder Trinkpause beim Wandern, jeden Abend ganz genau am ganzen Körper. Oft habe ich die Zecken so schon beim Krabbeln erwischt oder nur einen kurzen Moment, nachdem sie sich festgebissen haben.

Insektenschutzmittel verwenden

Ein riesiger Fan bin ich von Insektenschutzmitteln grundsätzlich nicht – allein, weil ich auf Schweiß und Sonnencreme nicht noch eine Schicht von irgendwas auftragen möchte. Ich muss aber auch sagen: der Schutz vor Zecken ist bei den meisten Mitteln wirklich, wirklich gut.
Ich achte darauf, dass möglichst viele natürliche Inhaltsstoffe enthalten sind und der Schutz vor Zecken speziell auf der Verpackung genannt wird. Denn: was Mücken abwehrt, hilft nicht grundsätzlich gegen Zecken.

Wenn lange Kleidung, dann …

sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Noch besser als lange Kleidung ist eng anliegende. Wobei, wie gesagt: ich war mit Leggings und Kniestrümpfen unterwegs …

Wichtig zu wissen ist an dieser Stelle Folgendes: die Zecke sucht, im Notfall auch für mehrere Stunden, nach einer passenden Stelle für ihren Biss. Ohne, dass wir es merken, krabbelt sie dazu zum Beispiel unseren Ärmel hoch bis hinters Ohr. Am liebsten hat sie warme und geschützte Hautstellen. Das sind die, die wir besonders aufmerksam absuchen sollten: Achselhöhlen, Ellbogen, Kniekehlen, Zehenzwischenräume.
Ich selbst habe aber auch schon welche im Oberschenkel oder auf dem Arm gehabt.

Grundsätzlich ist es wohl dennoch wahrscheinlicher, von einer Zecke gebissen zu werden, wenn man in Shorts und T-Shirt über eine Wiese läuft. Aber so oder so gilt: absuchen und aufmerksam sein.

Hohes Gras und Unterholz meiden

Ganz grundsätzlich kann man es wahrscheinlich so vereinfachen: Je wilder, je überwachsener das Terrain, desto wohler fühlen sich Zecken. Wenn der Wanderweg nicht durchs Unterholz oder über eine hohe Almwiese führt, dann sollten wir sie im besten Fall meiden.

Was, wenn ich doch gebissen werde?

Entdecken wir eine Zecke an unserem Körper, sollten wir möglichst schnell handeln. Je länger die Zecke zubeißt, desto wahrscheinlicher ist eine Übertragung von Krankheitserregern. Bis es zu einer Infektion mit Borreliose-Bakterien kommt, vergehen im Schnitt 12 bis 24 Stunden. FSME-Viren hingegen werden direkt übertragen.

Die Entfernung ist kein Hexenwerk, erfordert manchmal aber etwas Geduld. Auf keinen Fall sollten wir die Zecke zum Beispiel mit Nagellackentferner, Alkohol oder Desinfektionsspray einsprühen. Diese „Tricks“ wurden irgendwann einmal empfohlen – haben aber keine positive Wirkung. Ganz im Gegenteil: die Zecke wird gestresst und stößt umso mehr potenzielle Erreger aus.

Am besten lassen sich Zecken mit einer gebogenen, spitz-zulaufenden Pinzette entfernen. Oder aber mit einer speziellen Zeckenkarte: das sind kleine Plastikkärtchen – Bankkarten quasi, mit einer Aussparung, in der wir die Zecke ganz einfach aus der Haut ziehen können.

Manchmal braucht es ein paar Versuche, bis die Zecke loslässt. Bei mir funktioniert es bei solchen hartnäckigen Fällen am Besten, wenn ich vorsichtig ziehe, dann aber wieder loslassen. Wieder ziehe, wieder loslasse. Beim vierten oder fünften Versuch gibt die Zecke dann meistens auf.
Sind wir zu grob, kann es passieren, dass der Kopf der Zecke unter der Haut stecken bleibt. Auch das ist aber kein Drama: nach ein paar Tagen stößt die Haut die Überbleibsel von selbst ab. Wichtig ist, die Stelle zu desinfizieren und weiter zu beobachten. Nicht nur wegen Wanderröte und Borreliose-Gefahr – sondern auch, ob eine Entzündung entsteht.

Die größten Irrtümer

„Zecken gibt’s nur im Sommer“

Zecken lieben Feuchtigkeit und Wärme – das stimmt. Deswegen sind sie nach einem Regentag im Sommer besonders aktiv. Allerdings können sie bis zu zwei Jahre ohne Nahrung überleben – und auch überwintern, wenn die Temperaturen mild genug sind.
Liegen die Temperaturen unter sieben Grad Celsius, fallen Zecken in eine Art Winterstarre und ruhen zum Beispiel unter einer Laubdecke. In milden Wintern können Zecken im Extremfall das ganze Jahr über aktiv bleiben.

„Solange ich lange Kleidung trage, bin ich sicher“

Falsch gedacht. Weil Zecken mehrere Stunden lang nach der richtigen Stelle suchen, können sie ganz unbemerkt über die Hosenbeine oder Arme nach oben krabbeln.

Borreliose: Meine Erfahrung

Eine Infektion mit Borreliose-Bakterien könnte unterschiedlicher nicht ausfallen: Während der Großteil der Erkrankten gar keine Symptome hat, gibt es einige Betroffene, die recht zeitig und deutlich auf den Erreger reagieren. Wiederum andere bekommen die Diagnose erst Jahre später. Manche haben nach einer Behandlung im Frühstadium trotzdem Langzeitfolgen, andere bemerken gar nichts mehr.

Kurzum: meine Erfahrung muss nicht eure sein. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle noch ein paar Worte dazu loswerden – einfach deshalb, weil ich glaube (und das hat sich bestätigt), dass diese Krankheit zu oft unterschätzt wird.

Was mich am meisten überrascht, sogar erschrocken hat, war nicht unbedingt die Tatsache, dass ich mir Borreliose zu einer Jahreszeit eingefangen habe, in der ich am wenigsten damit gerechnet hätte. Sondern vielmehr, wie lange sie mich beschäftigen sollte.
Mein Glück war es definitiv, dass mein Hausarzt trotz vager Symptome sofort an einen Zeckenbiss gedacht hat. Wir haben schnell reagiert, nach dem Bluttest-Ergebnis sofort mit Antibiotika begonnen. 16 Tage lang sollte ich zwei Tabletten täglich einnehmen. Und während die offensichtlichen Beschwerden, wie der geschwollene Zeh, langsam zurückgingen, blieben andere bestehen. Und zwar für viele Wochen.

Ich hatte wochenlang immer wieder Kopfschmerzen, einen schwachen Kreislauf, war müde und unfit. Bei der leisteten Anstrengung schnellte mein Puls in die Höhe. Und das, obwohl die Antibiotika anschlugen und die Diagnose im Frühstadium kam.

Aus Instagram habe ich auch schon über meine Borreliose-Erfahrung gesprochen.
Hier geht’s zum Storyhighlight.

Und jetzt?

Natürlich bin ich seither nicht weniger draußen unterwegs. Und an einem heißen Sommertag trage ich weiterhin kurze Hosen. Sehr oft aber mit einem Insektenschutz-Spray, wenn besondere achtsam geboten ist. Und ich kontrolliere regelmäßig, ob eine Zecke auf mir unterwegs ist. Nicht nur abends vor der Dusche, sondern auch, wenn ich die Sonnencreme aus dem Rucksack hole oder ich eine kurze Pause auf einer Bank machen will.

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