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Südtirol: Wanderung durch ein (fast) geheimes Tal

Es ist einer dieser Momente, in denen ich die Zeit vergesse. Ich sitze auf einem Felsvorsprung unter dem zackigen Gipfel des über 3000 Meter hohen Tribulaun. Wer dort raufklettert, muss wissen, was er tut. Die Züge müssen sitzen, der Kopf im Hier und Jetzt sein. Ich schaue auf den Schlottergrad, der schon auf den ersten Metern „aussortiert“, wie die Südtiroler Bergsteiger sagen. Ein Grat, so schmal und so ausgesetzt – wem hier schon die Beine schlottern, der soll gar nicht erst weitergehen. Gerade leuchten die Zacken pink und orange und sehen fast romantisch aus.

Langsam geht die Sonne unter. Und mit jedem Strahl, der hinter dem Alpenhauptkamm verschwindet, kriecht die kühle Luft weiter nach oben. Dohlen kreisen über meinem Kopf und schreien ein paar Mal. Ansonsten ist es still. Auf 2.369 Metern bricht die Nacht über mich herein.

Ich kann kaum glauben, dass ich noch heute Morgen ein paar letzte E-Mails an meinem Münchner Schreibtisch beantwortet hab. Nachrichten und Termine – all das fühlt sich unendlich weit weg an. Und genau das ist es, warum ich mein Herz schon vor Jahren an Südtirol verloren habe: Weil drei Stunden Fahrt, Apfelhaine und Weinberge ausreichen, um den Alltag abzuschütteln. Südtirol – eins meiner liebsten Länder für Wochenend-Abenteuer und spontane Auszeiten.

Ich glaube, jeder von uns hat ein paar wenige Orte oder Länder, die sich richtig anfühlen. In die man gerne reist und von denen man nie im Leben enttäuscht sein wird. Südtirol ist für mich ein solches Land. Ich weiß, dass für mich ein langes Wochenende dort ausreicht, um abzuschalten und aufzutanken.
Abschalten und Energie tanken. Das wünsche ich mir auch dieses Mal – und ich merke schon während der ersten Schritte, dass meine Gedanken langsamer werden.

Von Hütte zu Hütte: Auszeit im Nachbarland

Da gebe es ein Tal, an dem die meisten Urlauber einfach vorbeifahren. Das sagen die Einheimischen aus der Region Sterzing-Ratschings in Südtirol und klingen dabei recht traurig. Es sei, als hätte man das Pflerschtal einfach vergessen.

Eine vergessene Region Mitten in den Alpen?

Mehr mussten wir nicht wissen, als wir gestern direkt nach den alten Mauthäuschen Richtung Sterzing abgefahren sind. Unser Ausgangspunkt, um die kommenden zwei Tage ungefähr 20 Kilometer und 2000 Höhenmeter auf dem den Pflerscher Höhenweg zurückzulegen. Vom Startpunkt in Pflersch aus haben wir uns eine einzigartig schöne Tour vorgenommen: Über die Tribulaunhütte am Sandsee die Überschreitung von Hohem Zahn und der meilenweit gut sichtbaren Weißwand bis zur Mageburger Hütte.

Hüttenpanorama: Die Tribulaunhütte liegt direkt am Sandsee.

Und so sitze ich hier jetzt, am Fuße des Tribulaun, die Hütte im Rücken und die letzten Sonnenstrahlen im Gesicht. Die Sonne ist noch nicht ganz am Horizont verschwunden, da stehen schon die ersten Sterne am Himmel. Hinter mir geht die Tür auf, eine Schlutzkrapfen-Wolke strömt nach draußen, gefolgt von Hüttenwirt Fabrizio. Auf ihn und seine Kochkünste freue ich mich schon den ganzen Tag – bei den Einheimischen unten im Tal gelten er und seine Partnerin Daniela als Meisterköche, auf jeden Fall was die Schlutzkraften angeht. Und das ist nicht zu viel versprochen.

Den ganzen Abend lang sitzen wir mit Fabrizio und Daniela in ihrer urigen Stube. Während sie von 10.000 Schlutzkrapfen erzählen, die sie Jahr für Jahr in einem Marathon selbst kneten und falten, bestaunen wir, wie der Mond den Tribulaun anstrahlt. Immer wieder hören wir draußen Geröll scheppern.
„Das sind die Steinböcke“, sagt Fabrizio.
Die treiben sich gerne hier rum. Daniela erinnert sich, dass die schon immer hier waren – auch schon vor über 40 Jahren, als sie zum ersten Mal mit ihren Eltern auf die Pflerscher Tribulaunhütte gekommen ist. Seitdem hat sie dieser besondere Ort nie wieder losgelassen. Und für die Pflerscher selbst wäre es sowieso undenkbar – die Tribulaunhütte ohne Fabrizio, Daniela und ihre Schlutzkrapfen.

Das bestätigt nickend und mit vollem Mund ein anderer Gast an diesem Tisch: Peter Thaler, der in den Pflerscher Bergen aufgewachsen ist und sie als Bergretter blind und auswendig kennt. Auf dem Gipfel des imposanten Tribulaun steht er mindestens einmal im Jahr.
„Das gehört dazu!“
Und auf der Hütte von Fabrizio und Daniela sei er sicher schon mehrere hundert Male gewesen. Wie oft? Das hat er längst aufgehört zu zählen. Aber: „Jedes Mal am Berg ist anders, das ist besonders. Ihr werdet schon sehen.“

Überschreitung über den Wolken

Am nächsten Morgen werfen wir mit den Hüttenwirten einen kritischen Blick zum Himmel. Oder eher in Richtung Himmel, denn wirklich weit sehen wir nicht. Der Nebel verdeckt sogar den Gipfel des Tribulaun und die übernächste Wegmarkierung. Fabrizio und Daniela lassen sich davon nicht beirren – sie beide haben im Gefühl, dass sich der Hochnebel bald lichten wird.

„Seid trotzdem vorsichtig. Je weiter ihr zum Hohen Zahn kommt, desto ausgesetzter wird es. Dreht vorher schon um, wenn ihr euch nicht sicher seid. Sonst sitzt ihr fest, könnt nicht vor und nicht zurück.“
Wir nicken, denn das haben wir in den letzten Jahren definitiv gelernt: Hüttenwirte haben Recht. Punkt.

Die erste Stunde lang können wir kaum die Hand vor Augen sehen. Wenn einer von uns schneller ist als der andere, muss er alle paar Minuten warten – sonst würde er viel zu schnell aus dem Sichtfeld verschwinden. Ich genieße die Atmosphäre, die Stille. Immer wieder hören wir neben uns das Geröll klackern, aber sehen nichts. Bestimmt Steinböcke, erinnere ich mich an Fabrizios Geschichte von gestern Abend. Wir hangeln uns von Wegmarke zu Wegmarke, bis die Schwaden irgendwann, nach und nach, lichter werden.

»Das einzige, was Berge noch schöner macht als Sonnenschein, sind Sonnenschein und Wolken.«

Der Blick zurück: Hoher Zahn und Tribulaun ragen aus dem Wolkenmeer empor.

Die Freiheit über den Wolken ist grenzenlos. Wir laufen den zackigen Grat entlang, während uns die Welt am Boden verborgen bleibt. Mit jedem Schritt wird die Sicht klarer, die Wolken ziehen weiter von uns weg – und endlich sehen wir den Weg, den wir entlanglaufen. Den Grat, den wir gerade überschritten haben, den Tribulaun, der mittlerweile hinter uns liegt. Und die Magdeburger Hütte, die muss irgendwo vor uns liegen.

Immer wieder geraten wir in dichte Nebelschwaden. Und wenn wir da so laufen, wie in Watte gepackt, fühlt sich jeder Schritt an wie Meditation.

Wenn die Gedanken endlich Ruhe geben

Was meine Gedanken angeht, verläuft jede Wanderung nach einem ähnlichen Schema: Bei den ersten Schritten, auf den ersten Höhenmetern, rattert mir alles mögliche aus den vergangenen Tagen ungebremst durch den Kopf. Erst kann ich kaum sortieren, dann hake ich ab. Und irgendwann kommt der Punkt, eine Art unsichtbare Grenze, über die meine Gedanken nicht mitkommen.

Als wir über dem Nebelmeer vom Hohen Zahn zum Weißwand-Gipfel laufen, habe ich meine Gedanken und alles, was mich sonst gerade beschäftigt, längst irgendwo unten gelassen. Hier oben, wo auf dem schmalen Geröllband der Weißwand jeder Schritt sitzen muss, spielt nichts anderes eine Rolle. Ich stelle mir vor, dass wir genau unterhalb des weißen Gipfels entlanglaufen – auf dem schmalen Geröllband, dass das Kalkgestein der Weißwand vom dunklen Fels trennt. Weil unten immer noch der Nebel hängt, bleibt uns der tiefe Abgrund verborgen. Ich konzentriere mich, will gar nicht weiter drüber nachdenken, wie weit es hier steil nach unten geht. Schritt für Schritt. Felix ist vor mir.

Wenn im Kopf wegen all der Konzentration kein Platz ist für andere Gedanken, dann ist wandern wie meditieren.

Nicht zu übersehen: Die Weißwand sehen wir schon weit unten im Tal. Das Geröllband, das wir queren, ist genau an der Stelle, wo das weiße Kalkgetsein in dunklen Fels übergeht.

Erst ein paar Minuten später, als sich die Wolken mehr und mehr verzogen haben und wir mit jedem Schritt absteigen, treffen wir wieder einen anderen Wanderer. Der Moment oben in den Wolken, irgendwo auf 3000 Metern über Null, war unserer. Nur wir beide, die Gipfel, die Stille. Als hätte die Welt diesen Ort vergessen.

Südtirols Magie bleibt

Als wir später mit Wirt Hermann auf der Magdeburger Hütte sitzen, fühlt es sich fast an, als wären diese magischen Stunden zwischen den beeindruckenden Gipfeln ein unwirklicher Traum gewesen. Wir erzählen Hermann von der Überschreitung, davon, dass es unheimlich war und die größte Freiheit gleichzeitig. Und Hermann weiß, wovon wir sprechen. Er kennt die Magie.
Hier, in diesem Tal, ist er zuhause. Jeden Weg, jeden Steig kennt er auswendig. Fast 30 Jahre lang war er Chef der Bergrettung. Aber seine Begeisterung ist nie kleiner geworden.

Und als es die Sonnenstrahlen zum ersten Mal an diesem Tag durch die Wolken schaffen und ein Adler seine Kreise um die Magdeburger Hütte zieht, ist Hermann der erste, der seine Kamera aus der Hosentasche kramt.

Dass wir in einer Stunde wieder ins Tal absteigen und am nächsten Tag an unseren Schreibtischen sitzen werden, ist in diesem Moment unendlich weit weg. Südtirols Magie bleibt.

Vom Tribulaun zur Magdeburger Hütte: Unsere Tagesetappen

Tag 1: Wir starten in Pflersch auf rund 1.400 Metern über Null und steigen zur Tribulaunhütte (2.368 m) auf. Tipp: Unbedingt die Schlutzkrapfen von Fabrizio und Daniela probieren!

Tag 2: Von der Tribulaunhütte führt die Route über Weg Nr. 7 hinüber zur Magdeburger Hütte. Wer mag, kann vom Weg aus zwei kleine Abstecher machen: Auf den Gipfel des Hohen Zahn, etwas später nach einem Abstieg samt Gegenanstieg auf den Gipfel der Weißwand. Bei guten Bedingungen kann man von dort aus bis zur Zugspitze im Norden und den Dolomiten im Süden sehen. Außerdem die Zillertaler und Ötztaler Alpen und die Ortlergruppe. Und wir – naja, wir haben immerhin den Hohen Zahn gesehen. Auf der Magdeburger Hütte (2.423 m) lohnt sich Hermanns Gulaschsuppe ganz besonders, außerdem die Geschichten aus seinem Bergsteigerleben.

Zurück unten im Tal verbringen wir noch eine weitere Nacht in Sterzing. Wir sind neugierig: Sterzing zählt mit seiner mittelalterlichen Altstadt zu den schönsten Kleinstädten Italiens.

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